Lesarten für die Osterkerze 2020

im Licht des Johannesevangeliums und der Dunkelheit der Coronazeit

 

Begonnen hat es mit diesen herrlich großen alltagsschönen Zündhölzern mit den roten Köpfen. Eine zündende Idee.

Weiter ging es mit den rasant steigenden Kurven der Coronazeit, auf die wir gebannt starren. Sie entstehen dadurch, dass Tageswerte als Punkte dargestellt und mit Linien verbunden werden. Und sie steigen, anfangs exponentiell, dann linear, dann flachen sie ab. Aber wann flachen sie ab? Oder bleibt das so? Oder kann man den Werten, Zahlen und Kurven vertrauen? Ungewissheit überall, aber graphisch schön, beeindruckend die Eleganz dieser Kurven. Aber hinterfotzig und eigenwillig und unberechenbar sind sie. 

Dann die Idee, die Kurve steigen zu lassen – entlang der Kante einer schrägen gedachten Schnittfläche durch einen Zylinder – und „hinten“ über einen Scheitelpunkt wieder sinken zu lassen und zwar wieder an den Ausgangspunkt zurück. Die Kurve steigt, fällt, steigt, fällt . . .  wenn die Kerze bewegt wird, wenn Zeit durchs Land geht. Die Kerze hat keine Vorder- oder Hinterseite. Sie wird von allen Seiten betrachtet und gibt Aussichten frei: steigt die Kurve, wird sie auch wieder fallen, fällt die Kurve, wird sie auch wieder steigen. 

Am oberen Scheitel der elliptischen Kurve beginnt eine gelbe Krone - Corona. Auch spitze Zacken können die Geschehnisse der Welt abbilden.

Am unteren Scheitel berühren weiche Wasserwellen die rote Rundumlinie. 

Johanneische Spuren: Die gelbe Kronenlinie weist auf Licht, Oberen Bereich, Transzendenz. Die blaue Wellenlinie auf alles unter den Himmeln, Unteren Bereich, Diesseitigkeit. Jesus der Mittler zwischen oben und unten, zwischen Vater und Menschen. Er hat Zugang zu beidem, dem Göttlichen und dem Irdischen. Er kündet uns von Gott, vielleicht erzählt er Gott auch von den Menschen. Durch ihn kommen wir Menschen in Berührung mit dem Ersehnten, Erahnten. Die gelbe Krone ist die durch den Glauben verwandelte Dornenkrone. Das entstellte Opfer wird strahlender König. 

Osterliturgische Anklänge: Das Eintauchen der Kerze bringt das Wasser des Taufbeckens zum Leben. Eine vertikale Richtung, um herabzubringen, um zu erhöhen. Die roten Zündholzköpfe erinnern mich an den traditionellen Schmuck der dörflichen Osterkerze meiner Kindheit. Die Wundmale Jesu stehen heute für das menschliche Leid, das sich hinter den roten Punkten der Coronagraphiken verbirgt, vermuten lässt oder das dadurch unvollkommen ausgedrückt wird. 

Hannes Hochmeister